Fliegender Wechsel

 

Als wäre Fliegen und durch die Loipe hetzen nicht schon anstrengend genug, macht auch das Wetter während des Deutschlandpokals in Oberhof dem Nachwuchs das Leben schwer. Geärgert wird sich aber über andere Dinge.

VonKarsten Tischer

Oberhof/Oberwiesenthal –Es ist immer das Gleiche: Abstoßen, Position finden, Absprung nicht verpassen, dann ganz viel Fliegen, Korrigieren (wenn nötig) und die perfekte Landung stehen. Skispringen ist versessene Detailarbeit bis zur Perfektion. Stimmt eine Kleinigkeit nicht, können die Ausschläge nach oben und unten gewaltig sein. Als am Freitagmorgen die ersten Kombinierer über den Schanzentisch der Normalschanze im Oberhofer Kanzlersgrund gehen, muss mancher schon nachgerade einmal 60 Metern den Sprung abbrechen. Andere kratzen beim Deutschlandpokal an der Marke von 100Metern.

Und so verschieden die jungen Adler –nach den Nordischen Kombinierern sind die Spezialspringer an der Reihe–den Berg hinunterkommen, so unterschiedlich auch die Stimmung im Schanzenauslauf, wenn alles nach wenigen Sekunden schonwieder vorbei ist.

Mancher wird nach der Landung gleich von einer Fernsehkamera verfolgt und muss drängende Fragen beantworten: „Leif, möchtest Du kurz was sagen?“, fragt der Reporter hinter der Kamera und zoomt aufs Gesicht des Springers. Leif Fricke guckt kurz ins Objektiv,wendet den Blick sofort wieder ab. Er ist genervt, packt seine Skier zusammen, presst ein „Nichts!“ durch die Lippen und geht davon. So ist das, wenn der Sprung für die Tonne war und jede Frage nach dem Warum überflüssig ist.

Das eigene Leben im TV

Auch das gibt es im kleinen Oberhof am letzten Wochenende des Jahres:

Junge Athleten, die sich erst noch einen Namen machen müssen, aber schon ihre eigene Doku-Soap haben. „Sportskanonen“ nennt sich die neue MDR-Serie, die morgen Abend starten soll. Fünf Nachwuchstalente der Eliteschule des Wintersports in Oberwiesenthal –zwei davon sind Skispringer–begleitet das Fernsehteambei ihrem Alltag zwischen Leistungssport und Leistungsdruck in der Schule.

Oberwiesenthal ist also nicht weit an diesem Wochenende in Oberhof. Der kleine Urlaubsort im Erzgebirge ist aber auch ganz unfreiwillig ganz nah beim Deutschlandpokal der Kombinierer und Spezialspringer, der der erste offizielle Winterwettkampf im Kanzlersgrund ist, seitdem der neue Kampfrichterturm fertiggestellt wurde.

Doch das Heimspiel fällt halb ins Wasser. Denn Schnee liegt kurz nach Weihnachten zu wenig in der Oberhofer Ski-Arena und auf der Rollerbahn. Nur in der Skihalle ist genügend Weiß vorhanden. Doch für die Verantwortlichen des Wettbewerbs ist die dortige Strecke nur für die kurzen Distanzen geeignet. Für die Zehn-Kilometer-Variante wünscht man sich einen anspruchsvolleren Kurs. Den gibt es kurzfristig nur im gut drei Autostunden entfernten Oberwiesenthal. Zwar stehen die vielen Helfer alle am Vortag des Wettkampfes auf Abrufbereit –der Deutschlandpokal ist eine gemeinsame Kraftanstrengung von gleich acht Südthüringer Vereinen –doch der Anruf, die Strecke mit vereinten Kräften herzurichten, kommt nicht. Stattdessen entscheidet man sich für Oberwiesenthal. Der gut 100 Meter höher gelegene Wintersportort in Sachsen kann mit einer halben Meter dicken Schneedecke aufwarten. Was in Oberhof als Regen herunterkam, war dort Schnee. „Von der Verhältnismäßigkeit war das wahrscheinlich die bessere Entscheidung“, meint ein Helfer.

Nichts fürLangschläfer

Für die Athleten, die noch in die Loipe müssen, bedeutet das aber: Nach dem ersten Wettkampftag alles zusammenpacken und zeitig ins Bett gehen. Am nächsten Morgen ist um 7.30 Uhr Abfahrt gen Osten. „Das ist eigentlich ein ganz schön großer Weg–und ein bisschen sinnlos.“ Für Tom Greiner ist es das erste Mal, dass er während eines Wettkampfs so einen großen Umweg auf sich nehmen muss. Der15-Jährige vom WSV Schmiedefeld startet das erste Jahr im Deutschlandpokal. Statt wie in früheren Saisons nur fünf Kilometer zu laufen, sind es nun zehn. Wirklich genervt scheint Greiner ob des Aufwands aber nicht zu sein. Der letzte Sprung von der Rennsteigschanze wirkt wohl noch positiv nach. „Der war echt gut. Ich bin besser ins Fliegen gekommen“, so die erste knappe Einschätzung.

Das Gefühl, beim Heimpokal über den Dingen zu schweben, lässt offenbar so manche Mühe in den Hintergrund treten –besonders dann, wenn die halbe Familie oberhalb des Schanzenauslaufs auf den Stehtraversen jeden Sprung beklatscht.

Luca Geyers Eltern sind nach Oberhofgekommen. Auch die Oma ist dabei. Das sei sonst nur selten möglich, erklärt der Junior. Die heimelige Atmosphäre gefällt dem Mann vom WSV Lauscha. Er steht zweimal 95,5 Meter und wird am ersten Tag knapper Zweiter in seiner Altersklasse. Geyer kann sich nur wundern. Im Sommer sah es noch ganz anders aus. Auf Matten waren die Ergebnisse durchweg schlechter. „Aber im Winter läuft es bei mir eh immer besser“, sagt er. Als Kumpel Simon Spiewok vom TuS Neuenrade kurz nach ihm die Oberhofer Schanze runterkommt, kann er nur staunen: „Er hat mich letztes Jahr immer abgezogen!“ Jetzt ist es andersherum. Warum, weiß keiner von beiden.

Im Tunnel

So klaffen Erwartung und Wirklichkeit mitunter arg auseinander. Paul Gröschel vom SC Motor Zella-Mehlis etwa verpatzt seinen Sprung beim Heimspiel in Oberhof und ist ein bisschen ratlos. Bei 72 Metern hatte der Kombinierer gerade wieder Boden unter den Füßen. „Das ist gar nicht gut“, sagt er. Der erste sei auch nicht besser gewesen. Warum es im Training bei gleicher Anfahrtsgeschwindigkeit mal eben 15 Meter weiterging, bleibt vorerst ein Rätsel.

Gröschel glaubt, es liege am Wettkampfdruck. Nun heißt es, schnell zurück ins Quartier und den Kopf für den Lauf freikriegen.

Andere brauchen das nicht. Sie springen wie eine gut geölte Maschine. Justus Grundmann vom SC Steinbach-Hallenberg hat derzeit den Platz auf dem Podium abonniert. Kein einziges Mal war er in dieser Pokalserie schlechter als Platz zwei. Zwischen den einzelnen Springen ist der 15-Jährige wie im Tunnel. Die Skier sind fix geschultert. Eilig geht es wieder zurück zum Skiwachsen und Umziehen, denn Trainings- und Wettkampfanzug sind zwei unterschiedlich sitzende Paar Schuhe. Noch so ein winziges Detail, das beim Skispringen perfekt passen muss, damit ein Adler weit fliegt.

Springer calling: Hannes Gehring funktnach seinem Sprung Trainer Werner Leipold an und holt sich ein erstes Feedback. Der 15-Jährige vom SV Biberau ist in seiner Altersklasse momentan der erfolgreichste Thüringer Kombinierer.

Bester Thüringer Springer beiden Männern: Anton Schlütter. Der Mann vom SC Motor Zella-Mehlis landet beim Heimspiel im Kanzlersgrund zweimal in den TopTen. In der Pokal-Gesamtwertung ist Schlütter aktuell Zehnter. Fotos:Gerhard König

 

Freies Wort vom 02.01.2019